Hypnose Praxis Jürgen Rank
 

Angst: wenn ein Schutzmechanismus aus dem Ruder läuft

Bei Angst handelt es sich um ein Grundgefühl, welches in Situationen auftritt, die der Mensch als besorgniserregend oder tatsächlich gefährlich empfindet. Beispielsweise kann die körperliche Unversehrtheit des Menschen bedroht sein. Der klinische Psychologe Charles Spielberger hat Mitte der 1960er Jahre das sogenannte State-Trait-Angstmodell entwickelt. In diesem wird zwischen Menschen unterschieden, die von Natur aus zu einem höheren Maß an Ängstlichkeit neigen, und jenen, die im Grunde eine stabile Persönlichkeit haben und nur in konkreten, bedrohlichen Situationen Angst empfinden. Erstere sind in aller Regel eher in Gefahr, ein krankhaft übersteigertes Angstgefühl, also eine Angststörung, zu entwickeln.

Die vielen Facetten der Angst 

Im Grunde handelt es sich bei Angst um zahlreiche unterschiedliche Gefühlsregungen, welchen jedoch eines gemein ist: Sie beruhen darauf, dass das Gefühlsleben der Betroffenen verunsichert ist. Zu den Grundängsten des Menschen gehören nach dem Psychoanalytiker Fritz Riemann die „Angst vor Selbstwerdung“, die „Angst vor der Endgültigkeit“, die „Angst vor Veränderung“ sowie die „Angst vor Nähe“. Dieser Ansatz wird in der modernen Therapie allerdings kritisch gesehen. Der Grund: Dieser Einteilung haftet eine Einseitigkeit an, weil sie von einer Tendenz zum Krankhaften ausgeht.

Angst kann bei den Betroffenen nämlich in einer Vielzahl von Erscheinungsformen auftreten. Die Bandbreite reicht von einfachen Unsicherheiten wie Scheu oder Beklommenheit, bis hin zu panischen Reaktionen wie Schockstarre oder Angstanfälle. Weitere Abstufungen, die zwischen den Extremen liegen, sind Formen von Furcht und die diversen Phobien,, bei welchen die Angstgefühle an konkrete Objekte oder Situationen gebunden sind. Die extremste Form von Ängsten sind Psychosen wie Lebensangst oder Verfolgungswahn, die sich ohne therapeutische Begleitung immer weiter steigern können. Eine differenzierte Unterscheidung wird allerdings meist nur von Fachpsychologen zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken vorgenommen. Denn ein Klient, der unter einer Unsicherheit leidet, muss vom Therapeuten anders begleitet werden als ein Klient mit einer Psychose, die sein Leben und den Alltag erheblich einschränken kann.

Oft ist festzustellen, dass Klienten, die unter verschiedenen Formen der Angst leiden, weitere Emotionen damit verbinden. Dabei handelt es sich oft um Misstrauen oder Schamgefühl. Sehr oft reagieren sie auch mit einer hochgradigen psychischen Anspannung, wenn sie gefahrenträchtige Situationen bewältigen müssen – in diesem Fall spricht man von einer sogenannten Wagniskonzentration.

Angst ist nicht grundsätzlich schlecht

Bei Angst handelt es sich nicht grundsätzlich um eine negative oder unangenehme Situation. In Abhängigkeit von der Einschätzung der persönlichen Kompetenzen und der individuellen Risikoerfahrung kann Angst im Gegenteil sogar eine Lusterfahrung darstellen: Wer eine Gefahrensituation erlebt und bewältigt hat, kann damit sein Lebensgefühl positiv steigern.

Angstgefühle haben im Lauf der menschlichen Entwicklung sogar eine wichtige Funktion als Schutzmechanismus eingenommen. Angstgefühle haben dazu geführt, dass der Mensch in vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahrensituationen angemessen reagiert, etwa indem er flieht. Dieser Schutzmechanismus ist jedoch nur gewährleistet, wenn das Handeln durch die Angst blockiert wird oder durch die Angst reale Risiken und Gefahren ausgeblendet werden. Nicht jeder kann die Angst aber als solche einschätzen, weil die Emotionen sowohl unbewusst als auch bewusst wirken können.

So reagiert der Körper auf Angst

Weil die Angst eine wichtige Rolle in der menschlichen Evolution gespielt hat, haben sich charakteristische körperliche Reaktionen. Der Hintergrund: Diese sollen den Körper auf Flucht oder Kampf vorbereiten. Zu den typischen Reaktionen gehören:

- Die Aufmerksamkeit der Betroffenen ist erhöht, die Empfindlichkeit der Hör- und Sehnerven steigert sich und      die Pupillen erweitern sich.

- Die Anspannung der Muskulatur ist erhöht, wodurch sich auch die Reaktionsgeschwindigkeit erhöht.

- Herzfrequenz und Blutdruck sind erhöht.

- Die Atmung wird flacher und beschleunigt sich.

- In den Muskeln wird Energie bereitgestellt.

- Verschiedene körperliche Reaktionen wie Schwindelgefühle, Zittern oder Schwitzen können auftreten.

- Durch den Angstzustand ist die Tätigkeit von Magen, Blase und Darm gehemmt.

- Manche Betroffene klagen über Atemnot und Übelkeit.

- Im Schweiß werden Moleküle abgesondert, wodurch andere Menschen die Angst riechen können, wodurch       diese unterbewusst in den Zustand der Alarmbereitschaft geraten.

Daneben verändern sich der Gesichtsausdruck und die Sprache der Betroffenen. Dadurch soll der soziale Sinn anderer angesprochen werden, sodass der Ängstliche Schutz erhält. Die körperlichen Reaktionen unterscheiden sich übrigens in einer Gefahrensituation nicht von jenen einer Panikattacke. Etwa 25 Prozent aller Betroffenen, die unter einer Angststörung leiden, klagen zudem über chronische Schmerzen.

Lässt sich die Angst beherrschen?

Eine typische Angstdisposition bringt jeder Mensch schon bei der Geburt auf die Welt. Diese kann durch Lernprozesse im Kleinkindalter und sogar lebenslang erheblich verändert werden. Das heißt: Jeder Mensch kann jede Form von Angst erlernen, aber auch wieder verlernen. Ängste können sowohl durch eigene Erfahrung als auch durch das Beobachten fremden Verhaltens oder durch Instruktionen – beispielsweise Warnhinweise – erlernt werden. Es spielt allerdings eine erhebliche Rolle, unter welcher Form von Angst die Betroffenen leiden, wodurch sich auch ein erheblicher Unterschied darin ergibt, wie die Angst therapiert wird. Bei diesen therapeutisch unterstützten Lernprozessen geht es darum, dass die Klienten ein realitätsgerechtes und beherrschtes Angstlevel erreichen. Denn ist das Angstniveau zu gering, fehlt dem Klienten eine wichtige Warn- und Schutzfunktion.