Hypnose Praxis Jürgen Rank
 


Herpetophobie: Wenn Schlangen oder Kriechtiere Angst machen


In der psychologischen Fachsprache wird die Angst vor Schlangen, Reptilien und anderen Kriechtieren, beispielsweise Nacktschnecken, bezeichnet. Lange Zeit wurde auch in der Fachwelt angenommen, dass die Angst vor Reptilien und Schlangen angeboren sei. Der Grund: Während der Mensch die Gefühlsregungen anderer Säugetiere – die enger mit ihm verwandt ist, deuten kann, stellen Schlangen, Reptilien und Kriechtiere für ihn völlig fremdartige Lebewesen dar.

Dass dem jedoch nicht so ist, hat die an der Rutgers University tätige Entwicklungsbiologin Vanessa LoBue jedoch vor wenigen Jahren anhand einer Untersuchung an Babys und Kleinkindern nachgewiesen. Das Ergebnis dieser Studie lautete: Die Angst vor Schlangen, Kriechtieren und Reptilien ist definitiv nicht angeboren, sondern wurde – oft schon in frühester Kindheit – anerzogen.

So war der Testablauf:

Für diese Studie wurden Babys im Alter von sieben Monaten vor zwei Fernseher gesetzt, auf welchen zwei verschiedene Filme parallel vorgeführt wurden. Auf einem Bildschirm sahen die Kinder eine Schlange, auf dem anderen Tiere, die nicht im Verdacht stehen, Angst auszulösen – etwa Elefanten. Zugleich wurden Bänder mit verschiedenen Stimmen abgespielt: Eine fröhliche sowie eine ängstlich klingende. Erklang nun die ängstliche Stimme aus dem Lautsprecher, betrachteten die Kleinkinder das Video mit der Schlange deutlich länger, allerdings zeigten sie keine Anzeichen von Angst.

In einem weiteren Test mussten Dreijährige ein Puzzle betrachten, welches aus neun Bildern bestand. Hierbei galt es, einen Frosch, eine Schlange oder eine Blume zu entdecken. In diesem Test konnten die Kinder die Bilder von Schlangen wesentlich schneller erkennen als Frösche oder Blumen. Vanessa LoBue kommentierte diese Ergebnisse mit den Worten: „Wir glauben, dass die menschliche Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist, Tiere wie Schlangen schnell zu entdecken und sie mit negativen Emotionen wie Ekel oder Angst zu verknüpfen.“

Bereits zuvor hatten Versuche mit Affen einen Hinweis darauf gegeben, dass Herpetophobie nicht angeboren ist, jedoch äußerst schnell erlernt wird. So konnte Susan Mineka im Stockholmer Karolinska-Institut nachweisen, dass Affen, die im Labor geboren wurden und niemals zuvor eine Schlange gesehen hatten, auch keine Angst vor diesen hatten. Erst als diesen Videos vorgeführt wurden, in welchen andere Affen Angst vor Schlangen gezeigt hatten, entwickelten auch sie eine Angst davor.

Welchen Sinn macht die Herpetophobie?

Obwohl die Angst vor Schlangen und anderen Kriechtieren gerade in der westlichen Welt, wo es kaum giftige Schlangen und Kriechtiere gibt, irrational erscheint, macht diese evolutionär betrachtet durchaus Sinn. Denn viele Schlangen – gerade in Afrika – sind giftig und somit auch potenziell gefährlich. Die Angst vor diesen Tieren aktiviert also den Körper, damit die Betroffenen schnellstmöglich fliehen können.

Eine Angst vor Schlangen ist also völlig normal, zumindest sofern daraus nicht eine Phobie erwächst. Der Grund: In diesem Fall leiden die Betroffenen unter großen Ängsten, die der Situation keinesfalls angemessen sind. Claus Norman, der als Psychiater am Freiburger Universitätsklinikum tätig ist, sagt dazu: „Weder für Menschen noch für Affen ergibt es einen Sinn, beim Anblick einer Schlange eine lähmende Panikattacke zu haben.

Die typischen Symptome einer Herpetophobie

Die Betroffenen empfinden beim Anblick von Schlangen oder anderen Kriechtieren Angstgefühle, die sich sogar zu Panikattacken steigern können. Zu den typischen Symptomen zählen Herzrasen, Schweißausbrüche, kalte oder feuchte Hände, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Durchfall sowie Atembeschwerden. Darüber hinaus zeigen sie ein deutliches Vermeidungsverhalten. Das heißt: Sie meiden Situationen, in welchen sie mit einer Schlange oder einem anderen Kriechtier in Kontakt kommen könnten. Im Extremfall gehen die Betroffenen nicht einmal mehr in den eigenen Garten.

Wie lässt sich die Herpetophobie therapieren?

Die Schulmedizin setzt bei der Therapie von Herpetophobie neben angstlösenden Medikamenten auch auf verhaltenstherapeutische Elemente sowie die klassische Konfrontationstherapie. Zu den verhaltenstherapeutischen Elementen gehören beispielsweise Entspannungstechniken, welche die Betroffenen in der jeweiligen Angstsituation nutzen sollten. Der konfrontationstherapeuthische Ansatz geht davon aus, dass sich die Menschen ihren Ängsten stellen sollen, statt sich davon leiten zu lassen. Das heißt: Die Betroffenen werden zunächst mit Bildern von den Tieren konfrontiert, später mit den Tieren selbst. Sie sollen dabei lernen, dass die Tiere keine Gefahr für sie darstellen und dadurch ihre Ängste verlieren.

Die Hypnosystemik geht noch einen Schritt weiter: Der Therapeut spricht zunächst mit seinem Klienten über dessen Ängste, die angstauslösende Faktoren und mögliche Lösungsansätze. Anschließend werden im Rahmen einer Hypnoseeinheit im Unterbewusstsein des Klienten Bilder verankert, die ihm dabei helfen, seine Ängste zu verlieren oder zumindest künftig anders damit umgehen zu können. Erst im letzten Schritt werden die Klienten dann direkt mit den Tieren konfrontiert… und nicht wenigen Patienten gelingt es, nach der Therapie die Tiere angstfrei anzufassen oder sogar zu streicheln.